Foo Fighters - Echoes, Silence, Patience & Grace (2007)
Geschrieben von: Michael   
Saturday, 08. March 2008 08:01

Dies ist ein Review-Double-Feature mit zwei unterschiedlichen Standpunkten. Keines der Reviews ist in sich vollständig, sondern mit Rücksicht auf das jeweils andere verfasst.

Der Kurzüberblick:

Michael: Needs Less Cowbell - Auch wenn Echoes, Silence, etc. ein gutes Album ist, sollte Dave Grohl sich in Acht nehmen diesen Klangweg nicht weiterzugehen -- oder sonst Flugzeuge meiden. Denn mit der Art von Musik hat schon mal eine Band Gottes Zorn auf sich gezogen.

Jens: Es muss nicht immer Wagner sein - Es stimmt schon. Echoes, Silence, Patience and Grace klingt absolut routiniert. Aber nicht im Sinne von einem Büroangestellten, der schon seit 30 Jahren Formular 5-ZX-43b abstempelt. Das wäre Dienst nach Vorschrift und ziemlich uninspiriert. Was Grohl und seine Spießgenossen abliefern ist eher mit einem Jumbobecher im Eiscafe Dolomiti zu vergleichen. Man erwartet einfach, dass die Zutaten aufeinander abgestimmt sind und das Ganze am Ende richtig lecker ist. Da macht man hinterher den Eismann nicht an weil sein Produkt nicht kantig und verwegen genug war - „Hab ich doch alles schon mal so ähnlich geschmeckt!“

 

 

Needs Less Cowbell


Auch wenn Echoes, Silence, etc. ein gutes Album ist, sollte Dave Grohl sich in Acht nehmen diesen Klangweg nicht weiterzugehen -- oder sonst Flugzeuge meiden. Denn mit der Art von Musik hat schon mal eine Band Gottes Zorn auf sich gezogen.

Ach, Dave. Wir sehen dich -- richten wir uns nach dem Klang des Albums -- auf deiner Südstaatenveranda sitzen, Banjo in einer Hand, gewohnheitsmäßiges Hornsymbol mit der anderen, und irgendein ausgewaschenes Protestsymbol auf dem bleichen T-Shirt, während im Hintergrund Led Zeppelin läuft und du und deine Kumpels über euren Grill oder den neuesten Vergaser an eurem Camaro diskutiert. Klar, ihr seid Rebellen. So bisschen. Bis ihr ins Haus geht um den Abwasch zu machen, bevor ihr eure Töchter mit dem Nicht-Wochenendwagen, dem Prius, aus der Schule abholt.

Es ist ein wenig, als ob Musik zum Sport geworden sei. Ihr spielt mit Einsatz, ihr spielt mit Eifer, ihr spielt geübt und mit großem Repertoire. Ihr wisst was ihr tut, keine Frage. Ihr wisst, wann man schreien muss, wann man die Faust emporreckt, wann man zum leisen Arpeggio fast verstummt. Ihr strengt euch an, aber... ihr reibt euch nicht dabei auf. Ihr klingt als hättet ihr euch eigentlich mit allem versöhnt und probt nun die Protest-Attitüde nur noch vor dem Spiegel eines Publikums. Die Song sind konsistent gut, fügen sich in eine saubere Präsentation und das Gesamtkonzept ist schlüssig, aber... ist das wirklich Rock? Ist das nicht zu glatt? Zu gut produziert? Ist sowas nicht eher die Domäne des Stadium-“Rocks“, der Musik der großen Gesten und nicht der persönlichen Offenbarung, auch wenn ihr es in der musikalischen Sprache unserer Zeit und mit lauten Gitarren tut?

Andererseits, dass eure Kanten durch den Strom der Jahre und des Erfolgs ein wenig abgeschliffen wurden sollte niemanden verwundern: Ihr seid älter, ihr seid wohlhabender, ihr seid gereifter, gefestigter und mittlerweile durchaus in eurem Leben verankert. Ihr richtet sogar die Tourdaten nach den erwarteten Geburtsterminen eurer Kinder. Vielleicht wäre ein Album der intimen Entblößung oder des tollwütigen Trotzes, mit Texten gleich den Tagebüchern eines Heranwachsenden, noch viel unauthentischer, viel eher eine Lüge als das Album das wir vor uns haben, welches ja auf seine Art und Weise so viel über euch erzählt -- und verrät. Vielleicht wäre es ungerechterweise auch zuviel verlangt.

Echoes, Silence, Patience, Grace hat teils tolle Songs und die atmosphärische Stimmigkeit reißt das Album, welches man bei Nachfrage immer noch guten Gewissens empfehlen kann, ein wenig heraus, aber das nächste Mal bitte zumindest ein bisschen mehr echten Dreck und Schmutz, Blut und Schweiss. (Vielleicht mal mit Amy Winehouse auf Tour gehen?) Sonst werden wir wohl getrennte Wege gehen müssen, auch wenn ich euch auf eurem (wohl zum Double Feature mit Van Halen) nur das Beste wünsche -- und enttäuschterweise direkt Lynyrd Skynyrd höre.

Wer glaubt, dass das alles zu negativ klingt, der hat zum Teil Recht. Es ist wirklich schwierig etwas über das Album zu sagen, ohne unfairerweise zu kritisch und herabwürdigend zu klingen, weshalb diese undankbare Aufgabe dann Jens zufällt.

-Michael

 

 

Es muss nicht immer Wagner sein


Es stimmt schon. Echoes, Silence, Patience and Grace klingt absolut routiniert. Aber nicht im Sinne von einem Büroangestellten, der schon seit 30 Jahren Formular 5-ZX-43b abstempelt. Das wäre Dienst nach Vorschrift und ziemlich uninspiriert. Was Grohl und seine Spießgenossen abliefern ist eher mit einem Jumbobecher im Eiscafe Dolomiti zu vergleichen. Man erwartet einfach, dass die Zutaten aufeinander abgestimmt sind und das Ganze am Ende richtig lecker ist. Da macht man hinterher den Eismann nicht an weil sein Produkt nicht kantig und verwegen genug war - „Hab ich doch alles schon mal so ähnlich geschmeckt!“

Zugegeben, Sturm und Drang sieht anders aus. Wer kleine Juwelen wie „Everlong“ sucht oder die Proklamation einer neuen Rockrepublik erwartet, sollte dann doch wieder „The Color and the Shape“ auflegen. Stattdessen spielen die Foos gekonnt auf der Klaviatur der Gitarrenmusik: Hörerwartungen werden aufgebaut und dann wieder eingerissen. Es wird geschrien, gesäuselt, erzählt, gegrooved und gerockt. Zwischendurch gibt es zur Auflockerung mit „Ballad Of The Beaconsfield Miners“ einen Instrumentalsong, der so lächerlich wirsch ist, dass man förmlich mitgrinsen MUSS. Das Wesentliche ist aber: Auch an solchen Stellen wird die dichte - von Michael ganz treffend als „Südstaatenveranda“ charakterisierte - Atmosphäre nie durchbrochen. Allein deshalb wird das Album vermutlich auch noch in fünf bis zehn Jahren hörbar sein, im Gegensatz zu einigen anderen der von dieser Gruppe vorgelegten Arbeiten.

Die Foo Fighters sind schon lange nicht mehr in dem Geschäft mit revolutionärem Pathos Teenie-Herzen auf ihre Seite ziehen zu müssen. Es ist ganz richtig so, dass sie es gar nicht erst versuchen. „Reife“ und „Souveränität“ mag nach Stützstrümpfen und Apfelstrudel im „Haus Seeblick“ klingen. Man muss sich aber nur Dave Grohls prachtvoll verwachsene Visage der letzte Zeit anschauen, um diesen Gedanken schnell wieder zu verwerfen. Gekonnte Musik für die Autobahn hat nun mal auch ihre Berechtigung. Man muss ja nicht jeden Tag Polen überfallen.

-Jens

 

Künstler: Foo Fighters
Album: Echoes, Silence, Patience & Grace
Tracks: 12
Laufzeit: 51 Minuten
Erscheinungsdatum: 21.09.2007
Label: Rca Int. (Sony BMG)

 

Tracklisting:

1. Pretender
2. Let It Die
3. Erase/Replace
4. Long Road to Ruin
5. Come Alive
6. Stranger Things Have Happened
7. Cheer Up, Boys (Your Make Up Is Running)
8. Summer's End
9. Ballad of the Beaconsfield Miners
10. Statues
11. But, Honestly
12. Home
 
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