Die Rückkehr zum Glauben
Geschrieben von: Björn   
Saturday, 26. April 2008 00:44
Das 21. Jahrhundert beginnt mit einem religiösen Revisionismus. Religion als Selbstverortung nimmt in einer Welt des behaupteten „Kampfes der Kulturen“ wieder einen hohen Stellenwert ein. Ein Phantom geht um – die Religion. Unabhängig von der Frage, ob hier nicht vor allem eine politisch, wie medial inszenierte Prophezeiung in Anlehnung an Huntingtons Thesen sich quasi selbst erfüllt und einfache, dadurch manipulierbare „Wir-Ihr“-Schemata etabliert werden, um der sozio-ökonomischen wie sozialpsychologischen Komplexität der Konflikte sowohl in der Integrationsdebatte, der Debatte um den islamistischen Terrorismus und dem Nahostkonflikt auszuweichen und politische Interessen durchzuprügeln, lohnt es sich auch auf einige Dilemmata orthodoxen Glaubens im Sinne „einer“ Religion hinzuweisen. Das erste Dilemma ist das der individuellen Bindung und dem Anspruch auf exklusive Geltung und Wahrheit der „eigenen“ Religion. Es gibt derzeit mindestens sieben Religionen, die sich unleugbar breit etabliert haben und regional deutliche Dominanz behaupten können: - Die christlichen Varianten - Der Islam und seine Varianten - Das Judentum - Der Hinduismus - Der Buddhismus - Der Taoismus - M.E. der Konfuzianismus Der regionale Bezug, der Umstand also, dass Araber meist Muslime oder Europäer meist Christen sind, weist darauf hin, dass die Annahme einer Glaubensrichtung bei weitem nicht Ergebnis einer Überzeugung im gleichwertigen Wettbewerb verschiedener religiöser Konzepte ist. Viel mehr ist die religiöse Selbstverortung vergleichbar mit Heimatliebe: Ich glaube, woher ich komme, unter wem ich aufgewachsen bin, was meine Wirtgesellschaft „glaubt“. Glaube ist in der erdrückenden Mehrheit aller Fälle angeboren. So verständlich dies sein mag: Intellektuell ist es eine Beleidigung. Die Selbsterkenntnis, einer Religionsgemeinschaft durch Geburt zufällig anzugehören relativiert die Aufrichtigkeit des eigenen Glaubens, zumindest, wenn man bereit ist seinen Kopf zu benutzen. Folgert man also logisch, dass man z.B. Christ ist, weil man als Kind von Christen in einer christlichen Umwelt aufgewachsen ist, wird die Wahrheit, die Exklusivität und der Alleingeltungsanspruch des eigenen Glaubens relativiert. „Glaubwürdiger“ kann eine Religion nur konzeptionell und inhaltlich sein. Es ist angesichts der Resistenz zumindest der oben aufgeführten Weltreligionen jedoch anzunehmen, dass jede der Religionen sich zu begründen weiß, den „zum Glauben Bereiten“ ein mythologisch, wie ethisch-moralisches Angebot machen, das als wahrhaftig angenommen werden kann. Unglücklicherweise sind die verschiedenen Religionen untereinander nicht nur kongruent oder komplementär; zum Teil sind sie widersprüchlich und unvereinbar. Das zweite Dilemma besteht in der Unvereinbarkeit des Glaubens mit der Rationalität. Gott soll Eva aus Adams Rippe geschaffen haben; Jesus konnte mit einem Brot fünftausend Menschen speisen; Moses teilte das Wasser. Neben den mythologischen Märchen, die sich meist noch durch Metaphorik legitimieren lassen, gibt es auch zahlreiche Verhaltensgebote, Rechtskataloge, moralische Festlegungen, Speisevorschriften usw., die man in der modernen Welt schlicht nicht mehr ernst nehmen kann. Dieser Prozess der Relativierung hat in Europa seit der Aufklärung seine Dynamik entfaltet und dazu geführt, dass Gottes Wort sich mehr und mehr scheinbar als Ammenmärchen entpuppt. Die Ratio und das Wachstum des Wissens, der Gewissheiten, führt – überspitzt gesagt – zur Entzauberung und Relativierung des Glaubens. So scheint es zumindest. Tatsächlich lebt der Mensch jedoch in einer unendlich komplexen Umwelt. Das Individuum ist durch seine Lebenszeit und seine Hirnkapazitäten gezwungen auf das tradierte kollektive Gedächtnis zurückzugreifen. Dieses wiederum wird revidiert und ergänzt durch die Folgegeneration. Der Mensch ist gezwungen, das Gegebene im großen Maße so hinzunehmen, wie der aktuelle Mainstream es behauptet. Wenn wir lernen, dass Pflanzen zur Photosynthese fähig sind, werden wir das nicht zwangsläufig experimentell prüfen. Wir würden nicht vorankommen, uns im Kreise drehen, in einen Autismus verfallen. Wir haben keine Wahl: Im erheblichen Maße müssen wir vor der Komplexität unserer Umwelt kapitulieren, wir müssen „glauben“, selbst wenn wir uns angesichts der groben Irrtümer der vorhergehenden Generationen zugleich demütig eingestehen müssen, dass wir vieles nur unzureichend, modellartig, verzerrt interpretieren. Vor diesem Hintergrund ist es nicht befremdlich, dass wir auch weiterhin im religiösen Sinne nach Metakonzepten suchen, Begriffe wie „Gott“ benutzen, um einfach kommunizieren zu können, was äußerst komplex und ungreifbar ist. Dies liegt in der menschlichen Natur. Befremdlich jedoch ist, wenn der eigene Glaube gegen den eigenen Verstand, bezüglich der beiden angeführten Dilemmata achselzuckend, stur, unversöhnlich, unfähig zur (Selbst-) Reflexion dasteht, Widersprüche einfach hinnimmt, sich dem rituellen Kitsch ergiebt, sich in selbstgefälliger Gewissheit sonnt und laut summend selbst ein Lied darbietet, mit zugehaltenen Augen und Ohren. Glauben ist relativ. „Relativ glauben“ ist paradox, aber ohne Alternative. „Glauben“ bedeutet im 21. Jahrhundert sich auf einen wahrhaftigen, einen guten Kern zu verlassen, der sich gegen die Reflexion und die Debatte zu behaupten weiß. Jenes, das unverlässlich wird, muss sich dem Diskurs stellen und stets legitimieren, immer und immer wieder. Blinde Orthodoxie erweist sich als schwammbuchsiger Rückzug, ein ängstliches Sich-Verstecken vor einer irritierenden und ungerechten Welt, einem übermächtigen Gegner, oft schwer zu fassen, vergleichbar mit einer Decke, die man sich über den Kopf ziehen kann, um sich nicht gewahr zu werden, dass um einen herum die Scheiße am dampfen ist und man selbst zu den angeschissenen gehört…. Alter!
 
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