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Babylon Die globale Medienwelt liefert uns mit einem Klick Botschaften aus aller Welt. Aber verstehen wir auch was wir lesen? Der Krieg im Irak geht in sein sechstes Jahr und die Weltöffentlichkeit ist sich in der Beurteilung dessen, was dort in Mesopotamien vor sich geht wohl weitgehend einig: Es ist ein außenpolitisches Fiasko für die USA. Das war nicht immer so. Wer sich an die ersten Kriegsmonate, besonders an die Wochen der ursprünglichen amerikanischen Invasion zurückerinnert, wird dabei, je nach Standort, recht unterschiedliche Bilder im Kopf haben. Ein Blick zurück auf die Ikonographie des frühen Irakkrieges: US-Medien: Der GI im Einsatz. „Eingebettete“ Reporter berichten direkt von den Fronteinheiten, zeigen Bilder von US-Soldaten beim Panzerfahren, im Straßenkampf und beim Essen Fassen. Botschaft: Jetzt liegt es an unseren Boys -- ihrer Stärke, ihren Fähigkeiten. Die Politik hat gesprochen, nun reden die Waffen. Atmosphärisch wirkte das in etwa wie die hiesige Berichterstattung über ein Länderspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft. Al-Jazeera: Der Zivilist im Terrorkrieg. Größtenteils vom irakischen Fernsehen oder unter der Obhut irakischer „Aufseher“ entstandene Aufnahmen der betroffenen Zivilbevölkerung dominierten. Der Zuschauer bekam Szenen der Verzweiflung und des Schmerzes vor ausgebombten Wohnhäusern und in Bagdader Krankenhäusern zu sehen. Botschaft: Der Krieg der USA trifft keineswegs nur Saddam sondern vor allem einfache Iraker. Er ist, im Kern, imperialistische Aggression gegen die muslimische Welt. Deutsches Fernsehen: Der Brand. Szenen der Zerstörung jeder Art kamen auf die deutschen Mattscheiben. Explodierende Bomben, brennende Häuser und rauchende Autowracks dokumentierten die Urgewalt des Krieges. Botschaft: Krieg bedeutet in jedem Fall Zerstörung und Schrecken. Egal, ob die Rechtfertigungen der Amerikaner sich als stichhaltig erweisen werden, bleibt ihr Einmarsch durch die von ihnen entfesselte Gewalt moralisch suspekt.
Nationale Sichtweisen haben natürlich schon immer die mediale Aufbereitung von Nachrichten geprägt – besonders wenn es sich dabei um außenpolitische Konflikte handelte. Augenscheinlich hat aber die globalisierende Wirkung moderner Kommunikationstechniken hier nicht zu einem grundlegenden Wandel geführt. Was aber sind die Konsequenzen einer globalen Medienlandschaft, in der Nachrichten zwar in Bruchteilen von Sekunden in alle Bereiche der Welt vordringen, sie aber nicht überall gleich verstanden werden? Schlimmer noch, Botschaften, die für eine Gruppe bestimmt waren, werden von anderen Empfängern aufgefangen und gründlich missverstanden (siehe Mohammed-Karrikaturen). Auch wenn Englisch die Weltsprache ist, eine allgemein verständliche Sprache im Sinne von Bedeutungsklarheit haben wir dadurch noch lange nicht erreicht. Während im nationalen Zusammenhang Massenmedien wie Zeitungen und Fernsehen zur Herstellung einer homogenen (Informations)kultur beitragen, dienen sie im Internetzeitalter als internationale Steinbrüche für konkurrierende Interpretationsmuster. Es ist nicht gesagt, dass dies dauerhaft der Fall bleiben wird. Schaut man sich etwa spezialisierte Internetforen (für Musiker, Piloten, Gärtner etc.) an, die von einer internationalen Besucherschaft frequentiert werden, sieht man Ansätze einer transnationalen Öffentlichkeit im Kleinen. Das größte Experiment bietet auch hier wieder mal Wikipedia: Durch Übersetzen und Integrieren von Textbausteinen aus anderssprachigen Versionen gleichen sich viele Artikel mit der Zeit erstaunlich an. Andererseits zeigen besonders bei der englischsprachigen Wikipedia, wo von Usern aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen editiert wird, wie umkämpft die Deutungshoheit über bestimmte Zusammenhänge ist (die Talk-Seite des Artikels „Palestine“ ist da natürlich ein besonders unangenehmes Beispiel). Hiermit soll kein Plädoyer für den allseits gefürchteten Kulturimperialismus westlich-kapitalistischer Couleur verbunden sein. Eine Gleichschaltung der Menschheit unter dem Banner Walmarts wird wohl nicht erforderlich sein, um das Konfliktpotential eines Mangels an Deutungshomogenität zu beheben. Woran es aber definitiv noch mangelt sind effektive Foren für die friedliche Konfliktkommunikation. Im Zeitalter des RSS-Feeds ist die UNO einfach zu old school.
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