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Oft beschworen, nie geklärt, unmöglich endgültig auszuräumen: Was ist Kunst?
Diese Frage stellt sich die Allgemeinheit angesichts einer angeblichen Ausstellung von Guillermo Habacuc Vargas mal wieder. Vargas fing einen streunenden Hund von den Straßen Costa Ricas und band ihn in seiner Gallerie an, um ihn dort -- mit der an alle ergehenden Anweisung ihn nicht zu füttern -- vor den Augen der Leute verhungern zu lassen. Nach einigen Tagen ist wohl genau dies geschehen. Folge? Bis jetzt, Onlinepetitionen und wütende Onlinekommentare. Beeindruckende Gegenwehr, all diese virtuellen schlaffen Handgelenke kleiner User-Fäuste, die in heiliger a posteriori Rage der Vor-dem-Schirm-Bequemlichkeit ihren allgemeinen Lebensfrust in alttestamentarischen Forderungen kanalisieren. Die Debatte hat nicht die Niedlichkeit einer Diskussion um Marla Olmstead herum, oder die schelmische Elfenbeinturmstürmerei samt Zwangsspiegelung heuchlerischer Eliten einer Duchamp'schen Fontäne, sondern die Unmittelbarkeit einer Steinigung. Aber eigentlich soll es nicht um Kritik an diesen Personen gehen. Auch nicht um Kritik an den Personen vor Ort, die etwas hätten tun können, aber nicht haben (denn zuerst käme die Frage ob sie wirklich etwas hätten tun können oder sollen). Sondern um die Frage: Ist das Kunst? Von einer erschöpfenden Behandlung der Frage Abstand nehmend, lassen sich doch einige Ebenen finden auf denen man zugestehen kann (muss? müsste?), dass Vargas' Werk allerdings Kunst darstellen könnte. Zuerst, natürlich, hat seine Aktion soziale Wellen geschlagen. Manch einem würde das schon als Qualifikation reichen: Wenn etwas im öffentlichen Zweifel steht Kunst zu sein, dann es ist es das vermutlich, kraft dessen die Frage überhaupt aufgeworfen und eine Debatte ausgelöst zu haben. Und aller Erwartung nach wird dieses Ereignis in den nächsten Tagen und Wochen noch weiter aufgegriffen werden. Als Diskursanstoß langt es allemal. Dann, nicht unbedingt die wichtigste, aber hier eine interessante Ebene: Wirft das Werk Fragen auf? Daran scheinen viele der Kommentierenden zu scheitern und fallen intellektueller Arroganz anheim: Weil sie sich keine emergenten Fragen vorstellen können, gehen sie davon aus, dass es keine gibt. Um nur Stichworte zu liefern, der Rest wäre langatmiger Kommentar: 1. Social obedience, "Befehl von oben", Milgram-Experiment. 2. Strukturelle Gewalt der globalen Makro-Ökonomie 3. Konsumheuchlerei und Tierhaltung. 4. Kunst? 5. Persönliche Intention vs. systemische Expression. Letzte hier erwähnte Ebene: Hat Kunst bequem und ungefährlich und leidensfrei zu sein? Hat Kunst hübsch und gefällig zu sein, nur existent im Feld zwischen Chopin und Monet? Eigentlich eine Frage, die schon lange ad acta gelegt wurde, aber hier neuen Grund erhält wenn man sieht, wie viele Kommentare eigentlich nicht die Frage der Kunst, sondern persönlicher Moral und Ästhetik beantworten. Was Vargas getan hat ist nicht bequem, es ist nicht nett, es scheint nicht moralisch, es könnte strafrechtlich verboten sein, kein "normaler" Mensch würde das tun. Vargas' Handeln ist nicht gerade kuschelig. Alles Einwände, die man aufwerfen kann. Bloß disqualifizieren sie das gegebene Werk nicht als Kunst und lassen es nicht daran scheitern. Kunst nur im Schönen zu sehen ist nicht nur naiv, sondern auch ganz nahe am Kitsch. (Eine Abgrenzung, die hier nicht thematisiert werden soll.) Was jedoch häufig gefordert wird ist, dass ein Werk eine Reaktion auslöst, dass es einen ergreift, stichelt, in ungeahnte Höhen befördert aber auch durch ungewollten Dreck schleift, dass es einen im Moment packt. Nicht unbedingt alles auf einmal, aber jedwede Regung die es auszulösen vermag verschiebt es weiter in das Feld der Kunst. Und kann man dieser willentlichen Provokation absprechen, einen sehr deutlich auf unangenehme Art und Weise zu erfassen? Wir kriegen Wut und Brechreiz statt ätherischen Wohlfühlens, aber wir können uns zumindest nicht entziehen und die meisten werden zugeben müssen, dass sich eine gewisse Wirkung entfaltet. Vargas' Handeln zu aburteilen ohne es wirklich hinterfragt zu haben hilft auch dem Hund nicht mehr -- und lässt was man lernen könnte einfach verpuffen. Er ist weiter gegangen als die meisten von uns sich trauen würden und als viele von uns gehen wollen würden, aber als Kunst es hat einen gewissen Beiklang der Legitimität durch die vielfältige und nicht zu unterschätzende Wirkung. Man wünscht er hätte es nicht getan, man wünscht der Hund hätte nicht leiden und sterben müssen, aber der Aktion unmittelbar ihren Wert abzusprechen geht am Kern der Debatte vorbei. Kunst als solche zu deklarieren mag eher ein Spiel von Indikatoren als Kriterien zu sein, und hier zu einem anderen Ergebnis zu kommen kann nachvollziehbar sein. Die Debatte kurzzuschließen oder gar nicht erst zulassen zu wollen ist es aber nicht. Selbstgerechte Rufe nach Gewalt, Mord und Folter erst recht nicht. Ist was Vargas getan hat Kunst? Vielleicht. Darf man das gut finden? Vielleicht. Muss man das gut finden? Nein. P.S. Wer sich schon immer gefragt hat ob wir Menschen eher Brahma oder Shiva oder Vishnu sind, sollte mal zählen, wieviele Kommentare den Hunger- und Gewalttod Vargas' fordern und wieviele ankündigen als Ausgleich einen Hund zu adoptieren. Naja, also wir wären wohl eher Shiva, wenn wir doch bloß die Energie finden würden von der Couch aufzustehen. P.P.S. Noch ein Kommentar der Medienzynik und Vierten, Fünften und Sechsten Wand: Das Informationsgeschehen um diesen Vorfall spielt sich fast ausschließlich in Blogs und Petitionen ab. Zweifellos könnte es sowas in echt geben, aber ob der hier besprochene Fall wirklich real ist bleibt abzuwarten.
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