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Wieso gerät der eine bei den Kastelruther Spatzen ins Schwärmen während die andere sich vom Balkon stürzen möchte? Wieso beleidigen Anhänger unterschiedlicher Rap-Interpreten ständig gegenseitig ihre Mütter, obwohl deren Musik für Außenstehende kaum voneinander zu unterscheiden ist? Dass die Entwicklung unserer musikalischen Vorlieben eng mit Prozessen der Identitätsbildung verbunden ist, ist ein ziemlich alter Hut. Spätestens seit der Erfindung der Jugendkultur in den 1950er Jahren versuchen ältere Semester zu erklären, warum ihre Kinder zu Klängen abhotten, die sie selbst kaum mehr als zivilisiert kategorisieren würden.
Ergebnis: Jugendliche ordnen sich Gruppen zu, die ihren sozialen Bedürfnissen offenbar am besten gerecht werden. Diese Subkulturen legen dann ihren Mitgliedern bestimmte Kleidungsstile, Frisuren, Praktiken und auch musikalische Gewohnheiten nahe. Damit bildet die Clique ihre innere Kohärenz und positioniert sich gegenüber autoritären Strukturen wie Eltern, Schule, "den Erwachsensen", der Gesamtgesellschaft. Ebenso hat der Einzelne die Möglichkeit durch Konformität mit oder Abweichung vom üblichen Stil - z.B. Musikgeschmack - seiner peers sich selbst innerhalb seiner Gruppe zu einzuordnen. Hört man genau das, was die anderen auch hören? Weicht man gelegentlich vorsichtig ab? Überrascht man immer wieder durch scheinbar abwegige Vorlieben? Vertritt man ständig eine andere Meinung wenn es darum geht "coole" Musik für die Gruppe zu definieren? All diese Möglichkeiten suggerieren soziales Verhaltensmuster, die sich vermutlich auch über das begrenzte Gebiet der Musik hinaus fortsetzen.
Wie aber definieren die Menschen für sich persönlich gute Musik? Ohne repräsentative Statistiken bei der Hand zu haben, ist die Vermutung wohl nicht abwegig, dass man bei einer Umfrage häufig auf die Formel der emotionalen Tiefe bzw. der direkten persönlichen Resonanz stoßen würde. Menschen hören Musik um in bestimmte Stimmungen versetzt zu werden. Wenn es ein Interpret nicht schafft emotional zu berühren, uns von der Authentizität der transportierten Emotionen zu überzeugen, wird sich kaum eine enge Beziehung zu seinen musikalischen Erzeugnissen ergeben.
Authentizität? Glaubwürdigkeit? Was zu Beginn eine gemeinhin als höchst subjektiv empfundene Frage war - "Was macht gute Musik aus?" – erhält an dieser Stelle einen beinahe objektivierten Anstrich. Schließlich ist die Unterscheidung zwischen glaubwürdigen und unglaubwürdigen Interaktionspartnern eine evolutionär nicht ganz unbedeutende Fähigkeit: "Wird mein Jagdgefährte tatsächlich den erlegten Elch mit mir teilen, oder wird er den Elch erschlagen, mir die Keule über den Kopf ziehen und sich mit der Beute davon machen?" Sollte es uns Menschen also nicht möglich sein zwischen authentischen und unauthentischen musikalischen Vorträgen zu unterscheiden? Sollten wir nicht mit einiger Sicherheit, unabhängig von persönlichen Vorlieben ermitteln können ob der junge Herr Kaulitz das ernst meint mit dieser Frisur und seinem Gepose?
Vermutlich zeigt das Ganze einfach wie wichtig soziale Vorprägungen und Strukturen auch für die Beurteilung von Glaubwürdigkeit sind. Das Phänomen beschränkt sich ja auch nicht auf die Musik sondern spielt immer eine Rolle wenn wir andere Mitmenschen beurteilen. Leuten die wir unserem Milieu zugehörig empfinden geben wir einen großen Vertrauensvorschuss. Schließlich wollen wir auch von Familie, Freunden, peer group für vertrauenswürdig gehalten werden. Das kann ja auch in vielen Situationen durchaus sinnvoll sein, ermöglicht es doch eine schnelle Erweiterung von Gruppen um potentiell Gleichgesinnte: Eine Hip-Hop Clique wird einen Neuankömmling mit Jeans auf halbmast, Bling-Bling und Käppi eher sozial integrieren als jemanden mit langem, wallenden Haar und Nietenjacke. Ein Vertrauensvorschuss der sich aber durchaus als Irrtum herausstellen kann: Eventuell stellt sich der Klischee-Hip-Hopper als ziemliches Arschloch heraus, während der Langhaarige vielleicht auch nach den Maßstäben der Clique ein korrekter Typ ist.
In ähnlicher Weise scheint auch unser musikalisches Urteil mitunter für voreilige Schlüsse anfällig zu sein. Warum wir bestimmte Bands einmal für cool und authentisch hielten ist uns teilweise später nicht mehr wirklich verständlich. Zum Beispiel Nickelback: Da konnte man sich noch so sicher sein eine Band entdeckt zu haben die den Rock'n'Roll atmete. Jetzt verwöhnen sie uns mit billigen Country-Pop-Baladen und Songs über die Niedertracht der gekünstelten Rockszene. Thanks! Next!
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