|

„Stay Away From People Like Me“ David Cronenbergs zweite Zusammenarbeit mit Viggo Mortensen ist erneut ein grausam kaltes, hartes, bitteres Kammerstück über Macht, Gewalt, Vertrauen und Herkunft. Ein sehenswertes. Anna Chitrowa, Hebamme eines Londoner Krankenhauses, muss während ihres Dienstes die 14jährige Tatjana bei einer Entbindung sterben sehen. Zurück bleiben nur ein Kind und ein mitgeführtes Tagesbuch, mit dessen Hilfe Anna versucht Tatjanas Vergangenheit zu entschlüsseln und das Kind mit seiner Familie zu vereinen. Ihr Bemühen führt sie jedoch zu Personen, die mit der Manifestation ihrer Vergehen nur ungern konfrontiert werden: der russischen Mafia.
In scharfen, klaren Bildern inszeniert Cronenberg das Spiel zwischen den Handelnden, mal Winkelzug, mal brutale Offensive. Mit unterschiedlichem Zugang zur Macht scheinen sie sich nicht zu schade ihre Mitspieler zu täuschen, zu gebrauchen und, wenn geboten, auch zu missbrauchen.
Zum einen ist da Semjon, der russische Patriarch sacchariner Liebenswürdigkeit, der ein Restaurant führt und sich zwar rührend um seine Familie kümmert, aber zum Leid anderer nicht nur ohne Wimpernzucken beiträgt, sondern dieses wissentlich zum Eigennutz verursacht. Er hat Macht, und jeder weiß es.
Sein Sohn Kirill, erster Thronfolger, hätte gerne Macht, hat aber keine und auch dies weiß jeder. Er selbst am meisten, vermag sich dies aber nicht einzugestehen, und zeigt gerne mit dem Finger auf das Zepter seines Vaters wenn er herrschen will. Über das Gewicht der Federn mit denen er sich schmückt kommt er jedoch nicht hinaus, und anscheinend wie zum unterstreichenden Spotte scheint er, nach dem übertragenen Männerbild seiner Umwelt, tatsächlich impotent zu sein.
Anna hat keine Macht und will diese auch gar nicht. Nach schweren persönlichen Rückschlägen in ihrer unmittelbaren Vergangenheit ist sie um Stabilität bemüht, und die Anstrengung dem überlebenden Kind Tatjanas ein normales Leben zu ermöglichen -- es in die Welt zu setzen -- ist ebensoviel ihrer selbst willen, wie zugunsten des Kindes. Doch durch ihren Mangel an Machtambitionen ist sie in allem auf andere angewiesen und ständig damit beschäftigt Hilfe einzuholen -- von beiden Seiten.
Am interessantesten aber in dieser Reihe der Machtkonfigurationen ist Nikolai, neu zugegangener Handlanger der Mafia-Familie, und beunruhigend authentisch und überzeugend gespielt von Viggo Mortensen (der angeblich einmal nach Drehschluss noch in Kostüm in eine Londoner Bar ging und dort russische Touristen unwillentlich derartig verschreckte, dass sie unter nervösen Blicken das Weite suchten).
Nikolai, eigentlich Laufbursche für die Wory w Sakone (die russische Mafia, “Berufsdiebe”) und somit auf der untersten Stufe der Machthierarchie, webt ein fein gesponnenes Netz, in welchem er sich für die übrigen unabdingbar macht. Er folgt, er führt aus, und doch schwebt über seiner seltsam stillen, gefestigten Präsenz die Gewissheit, dass es kein Zwang, sondern Entscheidung ist wenn er dafür sorgt, dass sich andere wieder ein Stück mehr auf ihn verlassen. Die Macht, die andere über ihn zu haben glauben, brandet an ihm, und nicht mal die Gischt reicht weit genug ihn auch nur zu beflecken.
Und letztlich ist er es, der Unscheinbare und doch Überlegene, der am meisten Macht entwickelt und entfaltet -- und dafür die undurchaubarsten Motive hat. Er scheint zwischen integrer Gewissensperson, seine Mitverbrecher zu Mäßigung und Anstand anhaltend, und skrupellosem Werkzeug, jeden Menscheits- und Menschlichkeitsvertrag schon längst gekündigt, zu pendeln. Ein Wechselbalg, seine Figur wandelnde Ambivalenz.
Bis zum Schluss ist nicht klar, ob er Menschlichkeit hinter Machtsucht versteckt, Machtsucht hinter Menschlichkeit, oder ob beides Masken sind, seine wahren Motive tiefer verborgen als uns Zugang gewährt wird.
Cronenberg gestaltet Tödliche Versprechen ohne Schwächen und mit einer Leichtigkeit, wie sie sich dem Betrachter tatsächlich nur bei immenser technischer Versiertheit und Konzentration des Künstlers darbieten kann. Er präsentiert technisch derartig transparent und erzählerisch so dicht, dass der mundane Umstand einen Film zu schauen schnell vergessen ist, während Geschichte und Charaktere in uns aufgehen.
Ausser wenn er Gewalt darstellt.
Denn dann stellt sich ganz schnell wieder ein Gefühl für den eigenen Körper ein, wenn auf der Leinwand weiches Fleisch in einer rot-getränkten Furche geöffnet wird, wenn Leid und Verletzung angetan wird, wenn wir selbst uns in einer viszeralen Reaktion krümmen und plötzlich wieder wissen was Propriozeption ist.
Wie für Cronenberg typisch schreckt er nicht vor expliziter Gewaltdarstellung zurück. Doch sie ist nicht Selbstzweck oder entsteht aus einer verstörten Lust am Leid, sondern ist zentraler Teil seiner Erzähltechnik: Sie macht die Einsätze klar. Es geht um etwas. Wenn eine Figur Fehler macht, versagt, nicht aufpasst, dann steht etwas auf dem Spiel. Dann steht viel auf dem Spiel.
Ein klinisches, schnelles Bloss-Erschossen-Werden, wie es in anderen Filmen dutzende Male passiert ohne einen zu kümmern, verbleicht zu dem Schrecken und Leiden das hier mit nur einer Klinge an nur einem Menschen vermittelt wird. Das ist nicht angenehm, soll es allerdings auch nicht sein. Wir sollen uns kümmern, indem uns die Dinge wirklich nahegehen. Und das tun sie. Cronenberg hat Macht über uns.
Die Spieler sind gesetzt, die Einsätze klar, das Feld eröffnet. Und während wir annehmen können zu wissen welcher Teilnehmer gewonnen hat, wissen wir nicht welche Seite den Sieg davongetragen hat, denn endgültige Antworten auf diese Frage gibt der Film nicht. Er verzichtet darauf, nicht um uns die Antwort zu überlassen, sondern zugunsten des eigenständigen Fortbestehens seiner Welt. Die Frage wird nicht entschieden während wir dabei sind, sie wird es vielleicht irgendwann -- ohne uns. Wir sind machtlos. Und es die ganze Zeit über gewesen. Originaltitel: Eastern Promises. USA 2007, englische Sprache, teils russiche Dialoge. Regie: David Cronenberg. Darsteller: Viggo Mortensen, Naomi Watts, Vincent Cassel, Armin Mueller-Stahl. Deutscher Kinostart: 27.12.2007, FSK 16 Laufzeit: 100 Minuten. IMDb - Wikipedia |