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„So, what you gonna do? Kill yourself?” Liest man nur den Titel, so könnte man meinen Wristcutters sei vielleicht eine verkrampfte Komödie über Emos, ein Sichlustigmachen über vermeintlich Unfähige oder Aufgebende. Ist es aber nicht. Gar nicht. Goran Dukics erster Spielfilm, basierend auf einer Kurzgeschichte des israelischen Schriftstellers Etgar Kete, ist eine überraschend einnehmendes und hoffnungsvolles Roadmovie durch das Nachleben durchschnittlicher Menschen in einer Welt, die so ist wie die unsere -- nur ganz, ganz anders.
Zia (Patrick Fugit, bekannt als Teenagerjournalist aus Almost Famous) wacht in seinem Bett auf, reicht zum Plattenspieler an der Seite um „Dead And Lovely“ von Tom Waits laufen zu lassen, steht auf um sein helles, aber unordentliches Apartment aufzuräumen, zieht sich ordentlich an und geht dann ins Bad. Um sich die Pulsschlagadern aufzuschneiden.
Während sein tiefrotes Blut irisierend über die glatten, weißen Fliesen rinnt und sich sammelt als hätte man einen Behälter ziegelroten Hochglanzlacks umgestossen, hören wir seine ruhige, unaufgeregte Stimme erzählen, wie er sich vorstellt wie seine Ex-Freundin ihn schmerzlich vermisst und ihm jahrelang nachweint, unfähig ihn zu vergessen.
Eigentlich könnte die Story jetzt vorbei sein, doch sie fängt erst wirklich an. Zia findet sich in einem merkwürdigen Nachleben für Suizidopfer wieder und erzählt uns von seinem neuem Sein, welches seltsam normal ist, wenn auch mit einem schrägen Spin. Alles scheint so wie im Leben vor dem Tod: Man arbeitet, man trinkt, man redet, man verbringt gemeinsam Zeit, versucht sich zu unterhalten und spricht über das Leben -- oder beide Leben und vergleicht sie. Man schleppt sich durch.
Alles fast wie gewöhnlich, wäre da der nicht der ständige Grauschleier, der über der Nachwelt liegt, sie ein wenig staubiger, verdreckter, benutzter macht, ihr die Brillianz raubt und sie aussehen lässt als wäre Fassadenschmutz die vorherrschende Eigenschaft aller Dinge. Bei allem Trotz der jenseitig lebenden herrschen Niedergeschlagenheit und Trostlosigkeit vor. Sogar der Nachthimmel ist ewig sternenlos. Es ist die B-Movie-Nachwelt zum AAA-Movie-Leben. Eine Low-Budget-Existenz.
In dem deprimierten und kargen Trott in dem er sich einpendelt erfährt Zia, dass seine Ex-Freundin sich ebenfalls dem Leben versagt hat und nun auch in der Parallelwelt der Verlorenen weilt. Er macht sich, von zwei kauzigen Mitstreitern -- Eugene und Mikal -- begleitet, auf den Weg sie zu suchen. Er findet was er braucht, neben einer zweiten Chance. Und lernt einiges, über sich, sein Leben, seine Mitmenschen. Über Hoffnung und Dinge, die wichtig sind.
Die Prämisse mag unerfreulich und abschreckend klingen, denn wer will sich schon mit 88 Minuten Schmerz und Verlust auseinandersetzen, aber tatsächlich ist Wristcutters ein liebenswürdig gestalteter Indie-Film, der ständig vor Kreativität knistert, von vielen verspielten und hinreissen Einfällen lebt, und dabei mit viel Liebe zum Detail gestaltet ist. Es ist kein humorloser Film über Resignation und Hoffnungslosigkeit, über das ewige Büßen von Schwächen und Fehlern, sondern über die Hoffnung immer etwas zu finden, für das es sich zu leben und zu kämpfen, zu versuchen und zu öffnen lohnt. Vor allem für: seine Mitmenschen.
Dukic verweilt nie lange und inszeniert keine langsame, dunkle Totenbestattung, aber er macht sich auch nicht über seine Figuren und ihr Empfinden lustig und nimmt ihnen die Bedeutung. In zahlreichen Momenten, wie wenn sich die Autoreisenden über das Vorrecht vorne zu sitzen unterhalten, wenn sie lächeln üben, wenn Mikal Verbotsschilder umfunktioniert, wenn eine Rückblende Eugenes zeigt wie er seinem kleinen Bruder erklärte warum man sich nicht umzubringen hat, wenn andere Rückblenden zeigen wie sich die Reisebegegnungen ihr Leben genommen haben, dann ist das meist humorvoll. Aber es ist kein auslachendes Zurschaustellen, sondern ein warmes, verstehendes, irgendwie auch trauriges Lächeln, das den Figuren einerseits den Wind des überzogenen Ernst aus den Segeln nimmt, aber andererseits auch die Absurdität ihrer Handlung aufzeigt. Ein anderer Umgang scheint kaum möglich.
Wristcutters ist mit viel Charme ausgestattet, welcher weder gekünstelt noch manipulativ ist. Der Film ist selbstbewusst genug, und vertraut seinem eigenen Charakter ausreichend, um die Klippen des aufgesetzten „Schaut her wie putzig wir sind“-Indietums weit zu umschiffen. Getragen von der unruhig intensiven Performance Patrick Fugits, einer bezaubernden Shannyn Sossamon, die nicht so sehr vor der Kamera steht als die Kamera zwingt ihr zu folgen, und dem völlig in seiner Rolle des russisch-stämmigen, sympathischen Antihelden aufgehenden Shea Whigham werden wir auf einen beschwingten Roadtrip mitgenommen.
Untermalt mit Musik von Tom Waits, der auch mitspielt, und Gogol Bordello, dessen Frontmann Inspiration für die Figur Eugenes war, wird Wristcutters zu einem kleinen, schlichten Schmuckstück Kino, das man leider zu leicht zu verpassen droht. Der Film, der nicht nur in der Atmosphäre und dem Einsatz seiner Musik ein wenig an Waking Life erinnert, entlässt uns mit dem Gefühl, dass das Leben zwar gelgentlich mühsam, schwierig und enttäuschend ist, aber dass es auch funkelnd, inspirierend, ergreifend und aller Mühe wert ist -- dass das Aufgeben allen Gutens zur Vermeidung allen Schlechtens nicht nur keine Lösung ist, sondern sich auch nicht lohnt. Keine Gipfel ohne Täler, und die ersteren überragen die letzeren dann doch immer bei weitem.
Trotz seiner Gewinne beim Seattle International Film Festival und Philadelphia Film Festival, sowie Nominierungen bei den Independent Spirit Awards und dem Sundance Film Festival, ist bisher kein deutscher Kinostart geplant. Wer auch nur irgendwo die Möglichkeit hat ihn zu sehen, der sollte das auch tun.
Originaltitel: Wristcutters: A Love Story. USA 2006, englische Sprache. Regie: Goran Dukic. Darsteller: Patrick Fugit, Shannyn Sossamon, Shea Whigham, Tom Waits. Deutscher Kinostart: bisher nicht geplant Laufzeit: 91 Minuten. IMDb - Wikipedia |