|

"Ich habe zwei Reden geschrieben, Vater. Die grüne ist eine interessante Wahl. Das bedeutet, es ist eine Art Wahrheitsrede. Sie hat eine Überschrift, die lautet: Wenn Papa badete.“ |
Man mag einiges an Dogma 95 kritisieren können und müssen, und über einiges gilt es auch ein wenig hämisch zu lachen, aber das sollte nicht davon ablenken, dass Vinterbergs „Das Fest“ ein beeindruckender Erfolg ist. Zumindest in diesem Fall hat die „Dogmatisierung“ des Kinos uns einen gewichtigen, höchst überzeugenden Film hinterlassen. Ein Kunststück. Helge Klingenfeldt, Ältester der gut situierten Klingenfeldt-Familie, gedenkt seinen 60. Geburtstag während eines Wochendes auf dem eigenen Hotelgut zu feiern. Verwandte und Freunde sind weitreichend eingeladen in das Hotel, in dem Linda, eine Tochter Helges, sich kurz zuvor umgebracht hat. Lindas erwachsene Geschwister, allesamt ebenso Kinder Helges und mit ihren eigenen Problemen beladen, reisen auch an: Christian, Helene, Michael. Christian, ältester Sohn, ergreift dann beim Eröffnungsessen, inmitten der erwartungsvollen Festgesellschaft, in einem Moment der Stille das Wort, steht auf, beschreibt -- voll hauchdünn überdeckter Verzweiflung -- wie er und Linda von ihrem Vater sexuell missbraucht worden sind... und nichts passiert. Die Gäste rühren sich nicht, trauen sich gedanklich nicht an das Gesagte heran. Der Raum versinkt im Schweigen. Einzig Helge, der Beschuldigte, reagiert mit gekränkter Aggression. Wenige Momente später entschuldigt Christian sich, nimmt Platz, lässt die Situation vorüberziehen. Und nach kurzer Zeit erwachen auch die Gäste wieder aus ihrer Stasis. Das Fest geht weiter. Vorerst.
Was Vinterberg dann in circa eineinhalb Stunden auf Zelluloid entwickelt, ist ein dichtes und kondensiertes Soziogramm einer unerträglichen Lage. Seine Charaktere sind Figur und Funktion zugleich, ihr Handeln persönlicher Ausdruck wie auch systemisches Symbol. Wie sie schweigen, wie sie leugnen, wie sie fliehen wollen, wie sie mit Empörung und ärgerlichem Unverständnis reagieren bevor sie disziplinarische Maßnahmen für das misstraute Opfer fordern, das ist nicht unbedingt was man an nur einem Tag im Laufe von nur einer Feier erwarten würde. Aber in der Vorstellung ist es, womit Opfer und Umgebung im Laufe der Jahre konfrontiert werden, bloss zusammengefasst und komprimiert zu diesem einen „Fest“. Der lange, schwankende Gang verdichtet zu einem einzigen Ritt. Und an diesem Kunststück lohnt es sich teilzuhaben.
Anders als man es zuerst von einem Dogma-Film erwarten würde, ist Das Fest gut produziert. Keine nervöse, schwankende Kamera, keine fast schwarzen Bilder mangels Ausleuchtung, keine Schwierigkeiten die Stimmen zu hören, die sich im Raum hätten verlieren können. Auch keine langen, statischen Einstellungen. Tatsächlich hätte man Probleme diesen Film nur anhand seiner technischen Merkmale als Dogma-Filme zu erkennen. So restriktiv die Form im Dogma-Manifest auch ist, so wenig merkt man es hier, bewegt Vinterberg sich doch sicher und nahezu uneingeschränkt in diesem Raum. Ein weiteres Kunststück, das er vollbringt. Und dieses Erheben über seine technischen Umstände setzt sich im Erzählen weiter fort. Angesichts der Thematik könnte der Film schleppend sein, erdrückend, gar bis zur Unerträglichkeit beschwert. Doch das ist er nicht. Mit geradezu erstaunlicher Behendigkeit verarbeitet Vinterberg seine Geschichte und denkt erst gar nicht daran uns überfordern zu wollen. Er will fordern, und das tut er auch, aber es schimmert trotzdem eine gewisse Sorge um den Zuschauer durch, ein gewisses Sich-des-Betrachters-annehmen-und-seine-Fähigkeiten-einbeziehen, was dafür sorgt, dass das Werk überraschend viel zugänglicher ist als es dem Thema und den Schaffensumständen zuzutrauen wäre. In einer der letzten Szenen, als Kinder und ihre Freunde in der schützenden Dunkelheit des verlassenen und ruhigen Ballsaals ihre eigene, kleine Feier ausrichten, da legt sich etwas wie der stille Zauber der Überlebenden über diese Gruppe, die leise lächelt und doch befreit auftanzt. Ein Gefühl nicht nur der Verschwörung, sondern der Verbrüderung und des gegenseitigen Verstehens und Annehmens. Und das grösste Kunststück Vinterbergs und des Films ist vielleicht, uns daran teilhaben zu lassen. Ein Kunststück eben. Originaltitel: Festen. Dänemark/Schweden 1998, däniische Sprache. Regie: Thomas Vinterberg. Darsteller: Ulrich Thomsen, Henning Moritzen, Thomas Bo Larsen, Paprika Steen. Deutscher Kinostart: 07.01.1999, FSK 12 Laufzeit: 101 Minuten. |