Juno (2008) PDF Drucken
Saturday, 22. March 2008 22:04

One-Woman-Show


„All babies want to get borned!“

Aus Spaß wurde Ernst, Ernst ist heute 5 Jahre alt. Zugegeben, der Kalauer ist nicht besonders. Juno ist es schon. Juno auch.


Juno MacGuff: 16 Jahre alt, mit der gelassensten Selbstsicherheit seit The Dude beschlagen, gerade wegen ihrer ehrlichen Normalität eine Halbaußenseiterin. Und schwanger.

Es beginnt mit der Langsamkeit eines süßlich-zähen Nachmittags, einiger langsamst und fast schon widerwillentlich verrinnender Stunden, die Juno mit ihrem Freund Bleeker verbringt und in denen beide sich einem unaufgeregten und unbedarften „Was wäre wenn ich jetzt...“ hingeben ohne der Gedankenkette Einhalt zu gebieten bevor sie zur Handlung wird. Die Folgen brauchen dann keine 9 Monate um Wirkung zu zeigen.

Zur Abtreibung nicht fähig und dann auch nicht mehr willens, entscheidet Juno sich im zweiten Monat ihres Mutterglücks das Kind zur Adoption freizugeben. Das zunächst perfekte Paar ist auch recht schnell gefunden: Vanessa und Mark, in ihrer sauberen Bemühtheit schon fast ans Unheimliche grenzende Yuppies. Sie: Obsessiv-kompulsive Perfektionistin für die alles ein Teilchen im Lifestyle-Mosaik ihres Lebens ist. Er: Erfolgreicher Werbemelodiekomponist der seiner Rock-Vergangenheit nachweint und sich mit seiner unerfüllten Rock-Zukunft noch nicht abgefunden hat. Normale Leute also.

Wie erwartet wird die Zeit bis dahin jedoch nicht so einfach wie erwartet.



Viel ist bereits über Diablo Cody, die für Juno Oscar-prämierte Drehbuchautorin, geschrieben worden und häufigstes tidbit ist natürlich, dass sie mal professionell gestrippt hat. Sei’s drum. Wer nicht? Die Zeit, die sie nach eigener Aussage durch den lohnend bezahlten Job übrig hatte, hat sie gut investiert, denn den schnellen und scharfkantigen Dialogen merkt man an, wie häufig diese geschliffen und poliert wurden, was -- bis auf einige wenige Ausnahmen, die den Bogen bis zum hörbaren Knacksen überspannen ohne ihn jedoch endgültig zu brechen -- enormen Spaß bereitet und den Film zu einem zügigen Dialograusch macht. Es klingt eine Kevin Smith’sche Verspieltheit und Freude am gesprochenen Wort durch, welches von Cody jedoch frischer, fokussierter und thematisch diverser, also nicht bloß über Sex, geschrieben wurde. Dass die Zeilen gelentlich auch mal in verkrampft bemühter Cleverheit anstrengend und nervig sein können nimmt man aber in der Gesamtabwägung noch hin, auch wenn ein wenig Zurückhaltung manchmal gut getan hätte.

Und auf diesem Skript fußt alles Nachfolgende mit hoher Kongruenz: Fein balancierte, schlüssige, sich nathlos einpassende Direktion durch Jason Reitman und eine Riege von Schauspielern, die ihren idiosynkratischen Charakteren immer ein großzügiges Maß Menschlichkeit geben. In Juno gibt es keine schlechten Menschen, höchstens unverstandene. Hinter jeder Fassade steckt Verlangen und Verletzlichkeit, hinter jedem Mangel auch Wert und vor allem Liebenswertigkeit. Man könnte versucht sein, diesem Umstand und dem Film rosa bebrillte Naivität anzulasten, aber gerade eben das ist es vermutlich nicht. Es scheint idealistischer Trotz zu sein, der mit Kenntnis abstoßenderer Farben lieber auf Rosa blickt und sich bemüht die bevorzugte Farbe mit weit ausholenden Pinselstrichen in der Welt zu verteilen. Eine Stripperin als Autorin wird sich wohl kaum lange naiven Illusionen hingegeben haben. Wer genau hinschaut sieht, wie echte Probleme subtil angerissen werden, aber da diese Juno entgehen, werden sie dem Zuschauer auch nicht wirklich präsentiert.

Und dann ist da Ellen Page. Wer Hard Candy gesehen hat weiß um ihr Talent, und Juno bestätigt den Eindruck um die schauspielerische Fähigkeit dieser im echten Leben immer irgendwie kindlich-vergnügt wirkenden Darstellerin, die wohl jeden Oberstufenliteraturkurs dazu bringen würde A Midsummer Night’s Dream aufzuführen, nur um sie als Puck casten zu können. Der komplette Film um sie herum ist gelungen, aber der eigentliche Grund Juno zu schauen ist Ellen Page. Die Rolle als Big Lebowskis Patennichte im Geiste ist zwar nicht besonders dramatisch oder fordernd, aber die lässige, trockene und intelligente Art und Weise wie Miss Page sie trotzdem ausfüllt lässt einen unterhalten und erwartungsvoll über die eineinhalb Stunden dem Film folgen.

Juno mag sich im Fahrwasser des neuen idealistischen Plüsch-Moralkinos und von Filmen wie Little Miss Sunshine und Knocked Up befinden, steht diesen aber nicht nach. Gelegentlich vernommene Kritik an der bewusst positiven Ausrichtung des Films scheint müßig, wenn jedem klar sein sollte, dass Juno eine idealistische Komödien-Fiktion ist, und kein um Authentizität kämpfendes Drama. Man wird keine realistischen Lebenseinsichten finden oder von Grund auf verändert ein neues Leben beginnen, aber man wird auf nette Art an einige lohnenswerte Dinge erinnert. Wer die Zeit findet, sollte sich Juno anschauen. Wer keine findet, sollte vielleicht -- irgendwann, ohne übertriebene Eile -- welche machen.

 

Originaltitel: Juno. USA/Kanada/Ungarn 2007, englische Sprache. Regie: Jason Reitman.
Darsteller: Ellen Page, Michael Cera, Jennifer Garner, Jason Bateman, J.K. Simmons.
Deutscher Kinostart: 20.03.2008, FSK 0
Laufzeit: 96 Minuten.
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