No Country for Old Men (2007)
Geschrieben von: Michael   
Monday, 18. February 2008 00:48

No Country for Old Men

A poststructuralist’s wet dream


Wüste wenn Geld lauf Peng nicht Wüste.

So ist es ungefähr, No Country for Old Men zu schauen. Nur unerträglich viel länger.

Es hätte ein vielschichtiger, dramatischer Thriller über Moral und Schicksal sein können. Können. Denn es ist bloß ein verworrener und zerfaserter Flickenteppich von einem Film, und zwar einer in den man nicht mal eine Leiche einwickeln würde. Der Leiche zuliebe.



Ein tagelöhnender Vietnamveteran findet auf einem Jagdtrip in der texanischen Steppe eine Ansammlung Tote, Halbüberlebende, 2 Millionen Dollar und Heroin. Für Tote hat er vielleicht Mitleid übrig, für Halbüberlebende, die sich nicht selbst retten können, aber gar nichts, vor allem keine Hilfe. Drogen interessieren ihn auch nicht, also nimmt er das Geld.

Und wird fortan von einem psychopathischen Erfüllungsgehilfen des Eigentümers gejagt, der sich als Agent Kismets versteht und unterwegs damit vergnügt, Kollateralschaden durchaus zu einer Willenstätigkeit zu machen. Soll heißen: Er bringt im Laufe der Verfolgung alle möglichen und unbeteiligten Dritten völlig willkürlich und beliebig um. Besagter Vollstrecker, dessen Name wie „Sugar“ klingt und der trotz Grabesstimme wie Dieter Thomas Kuhns dunkelhaariger Halbbruder in seinen Las-Vegas-Elvis-Jahren aussieht, hat auch noch einen derartig absurden Fetisch für völlig abstruse, luftgetriebene Waffen der Marke Eigenbau, dass man darauf wartet, dass er jeden Moment anfängt Leute mit einem pinkfarbenen Aufblasdildo zu erdolchen. Zuzutrauen wäres es ihm. Den Regisseuren auch.

 

Und so wie der Film anfängt, mit einem mano-a-mano, bei dem die zwei Kontrahenten ab und zu aufeinander schiessen, sich gelegentlich verletzen, sich mit einer Selbstverständlichkeit medizinisch selbst versorgen als ob Chirurgie üblicherweise drittes Abi-Fach sei, und dann eventuell weitermachen, so geht er auch 30 Minuten später als man es gerne hätte, also nach knapp zwei Stunden, zuende: ohne viel Dynamik, ohne viel Entwicklung. Billiardtische in Dortmunder Hafenkneipen haben mehr Wellen und Bögen als der hier gegebene Spannungsverlauf.

Und die zwei Hilfscharaktere die es auch noch gibt, bereichern den Film, jedoch leider an der falschen Stelle: bei der bereits vorherrschenden Sprachverwirrung. Alle Charaktere des Films sprechen ein derartig unverständliches Texanisch, dass wohl selbst eingefleischte Texaner der 23. Generation, deren Vorfahren schnurstracks von der Mayflower Richtung Texas marschiert sind, sich am Kopf kratzen, gegenseitig verdutzt anschauen und überlegen, ob sie sich trauen sollen nach Untertiteln zu fragen. Zum ersten Mal in seinem Leben wünscht man sich, dass doch tatsächlich die Yankees die USA regieren mögen und Texas nur der sudöstliche Zipfel Neu-Englands sei, denn dann hätten die Personen wenigstens eine Aussprache die man verstehen könnte.

In mehrfacher Hinsicht fragt man sich, ob der Film ernst gemeint ist. Nicht nur, ob der Film an sich, hermeneutisch, ein ernstes Werk sein soll (was anhand vieler Filmbegebenheiten fragwürdig scheint), sondern ob die Coen-Brüder das ernst gemeint haben einen derartigen Film abzuliefern. Man sieht es schon vor sich: In zwanzig Jahren kommt die Enthüllungsbiographie und es wird offengelegt, welch ein übler Scherz No Country for Old Men war und wie alle darauf reingefallen sind. Kritiker werden betreten zu Boden schauen und niemand will es dann gewesen sein. So wie damals.

So haben die Gebrüder C. einfach, und offenbar ohne es zu verstehen, das Konzept von Fargo genommen (ihrer Vorstellung nach: absurde Kriminalität und Brutalität, langsames Erzähltempo, phlegmatische Charaktere) und es billig von Minnesota nach Texas transferiert. Ist ihnen mit Fargo scheinbar zufällig noch ein Festessen gelungen, so kriegen wir nun bloss die billige Schwarz-Weiß-Kopie der zugehörigen Speisekarte. Dabei haben sie auch bisschen auf Tarantinos Teller geschaut und dachten, das nachkochen zu können. Konnten sie nicht.

Aber vielleicht wollten sie den Film auch. Vielleicht ist es genau das, was sie vorhatten und er entspricht völlig ihrer Vorstellung. Dann ist das aber nichts, das man gut finden muss, oder für das man zwei Stunden und 10 Euro opfern müsste. Es sei denn man möchte mal wirklich einen handfestes Beispiel für die postrukturalistische Annahme, dass es unmöglich ist kohärente Bedeutung zu konstruieren. Denn dabei zu scheitern, das gelingt dem Film fantastisch, und in dieser Hinsicht ist er ein beachtlicher Erfolg.

Die allgemeine Beweihräucherung dieses Films ist mal ein circle jerk bei dem man sich ausnahmsweise nicht beteiligen sollte.

 

Post-Oscar-2008-Nachtrag: Nein, die Zahl der Academy Awards ändert nichts. Gar nichts. Der für Javier Bardem geht völlig in Ordnung, die anderen sind falsch. Einfach falsch. Und wer glaubt, dass die Best Picture und Best Director - Awards den Film adeln würde, sollte mal in die Listen der vergangen Gewinner schauen und No Country for Old Men in der guten Gesellschaft von Titanic, Shakespeare in Love und Chicago wissen. Noch Fragen?

 

Originaltitel: No Country for Old Men. USA 2007, englische Sprache (angeblich). Regie: Ethan Coen, Joel Coen.
Darsteller: Josh Brolin, Javier Bardem, Tommy Lee Jones, Woody Harrelson, Kelly Macdonald.
Deutscher Kinostart: eigentlich nicht wichtig, aber 28.02.2008. FSK 16
Laufzeit: Zu lang. 122 Minuten.
IMDb - Wikipedia

 

 

 
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