King of Kong: A Fistful of Quarters (2007) PDF Drucken
Wednesday, 13. February 2008 03:00

Bing!

"I wanted to be a hero. I wanted to be the center of attention. I wanted the glory, I wanted the fame. I wanted the pretty girls to come up and say, 'Hi, I see that you're good at Centipede.'"

 

David gegen Goliath, Google gegen Microsoft, Schröder gegen die Tore des Kanzleramts -- es gibt viele Geschichten von Gut gegen Böse, oder zumindest des likeable underdog gegen das eingefahrene, verkrustende und langsam korrumpierende Establishment. Seth Gordons King of Kong: A Fistful of Quarters, die Geschichte von Steve Webie gegen Billy Mitchell, die Geschichte zwischen zwei amerikanischen Stereo- wenn nicht gar Archetypen, ist eine davon.

 

Eigentlich geht es nur um Videospiele, alte und simple noch dazu. Zum Beispiel Pac-Man, Q*bert, Defender und Donkey Kong. Vor allem Donkey Kong. Wenn man seinen Lebensinhalt schon beliebig wählen und anerkannt bekommen kann, ob man nun kleine, weisse Plastikbälle in Rasenlöchern versenkt oder der Schnellste im Im-Kreis-fahren ist, dann kann es eben auch Donkey Kong sein. Immer noch besser als Strippen. Also, exotisch tanzen.


Billy „I gotta try losing sometime“ Mitchell, Geschäftsmann aus Florida, hält den Donkey Kong - Rekord, nebst anderen, seit 1982. Er ist einigermaßen erfolgreich, egozentrisch, selbstverliebt und stilisiert sich zu einer übergroßen Version seiner selbst, mit Ansprüchen denen er selbst jedoch nicht gerecht wird. Verkörperung des Egoistischen, Kapitalistischen und Macht- und Statusorienterten ist er der Sheriff von Nottingham und Prince Humperdinck in einer Person. Mit noch unglücklicherer Frisur und Krawatten, deren farbliche Komposition nur visuelle Interpretation von 12-Ton-Musik sein kann -- ohne dass ihn diese Schwäche sympathischer machen würde.

Steve Wiebe ist Lehrer und Familienvater. Vom Leben ein wenig gebeutelt, nicht besonders durchsetzungsstark, aber dafür von hoher Liebenswürdigkeit und mit einem Umfeld das sich rührend um ihn kümmert und ihn mag. Er ist der nette, normale Junge von nebenan der nie sein Potential entfalten konnte. Manchmal ein wenig verschroben, gelegentlich unsicher, aber eben nett. Der unbeholfene Dorfjunge, Ausgeburt des Heartlands, der seine wahre Natur entdecken und zum Helden werden soll.

Dann folgt die mythische Narrative: Der Ruf zum Abenteuer, Ablehnung, doch Antritt, Threshold Guardians die zu Verbündeten werden, Wiedergeburt, Road of Trials, The Boon, Return. Es ist, als hätte Seth Gordon sich Princess Bride angeschaut, The Hero with a Thousand Faces noch mal gelesen und dann King of Kong geplant.

Und es zieht noch immer. Es macht Spaß die Geschehnisse zu verfolgen, man fängt an innerlich zu jubeln wenn Steve einen Erfolg feiert, man leidet mit wenn etwas nicht klappt, man beginnt Billy "It says 'Never surrender' on my cell phone" Mitchell nicht zu mögen, der es einem aber auch wirklich einfach macht und Michael Scotts cue cards geklaut zu haben scheint. An einer Stelle des Films, nachdem er von seinem Geschäftsunternehmen und seinem Ehrgeiz gesprochen hat, wirft er sich in Pose und fragt das ratlose und unbeeindruckte Kamerateam, welches dreibuchstabige Kürzel er wohl für die High-Score-Listen verwendet („I often had people ask me what my handle is, what my three initials are. I mean, come on. I tell people: look at me! What do you think my three initials were? If you don't know you are not looking hard enough!“).
Es ist „USA“, mit der Erklärung, dass er die USA oberhalb seiner lateinamerikanischen und kanadischen Freunde halten müsse. Logisch. Sofort gesehen.
Naheliegend wäre gewesen: BPE. Biggest. Prick. Ever.

King of Kong: A Fistful of Quarters ist ein faszinierender Einblick in die Arcadespiele-Szene und enthält eine mitreißende Geschichte, die mit ihren Charakteren Unmengen an Subtext liefert. Einziger Wermutstropfen ist, dass sie vielleicht nicht in allen Details wahr ist. Neben einigen selektiven Präsentationen und kreativer Faktenauslassung schien Seth Gordon sich tatsächlich irgendwann auf seine mythische Narrative zu versteifen, und der Film wird weniger zur Dokumentation als zum fiktiven Spielfilm mit glücklichem Casting und nichtsahnenden Schauspielern. Aber dieser konzeptionelle Einwand sollte die Erwartung nicht zu sehr trüben, denn der Film bleibt ungemein sehenswert, vermag trotzdem zu inspirieren und kommt absolut mit der Empfehlung ihm als eigenständiges Werk, welcher (Misch-)Natur er auch sein mag, eine Chance zu geben -- und sich positiv überraschen zu lassen, selbst wenn man sonst mit Videospielen nichts am Hut hat.

 

Nachtrag, von Jens:

Der Film erhält auch dadurch eine besondere Note, dass er Lektionen über menschliches Sozialverhalten anhand eines so banalen Gegenstandes wie der Fanszene um Videospiele der 1980er Jahre behandelt. Man muss nicht im UN-Sicherheitsrat oder im Nobel-Komitee sitzen, um den Verlockungen der Macht zu verfallen. In diesem Beispiel findet sich ein Haufen verschrobener Typen mit dem hehren Ziel zusammen, der Videospielszene zu einer neutralen Schiedsinstanz zu verhelfen. Was sich daraus - ohne bösen Willen - entwickelt sind geschlossene Hierarchien, Grüppchenbildung, Feindschaften und Verschwörungstheorien. Menschlich, eben.

 

Nachtrag, von Michael:

Und so schließt sich der Kreis wieder, geht es doch im Titel um Macht (King) und Primaten (Kong). Damit wäre der Film auch im geistigen Fahrwasser von Jane Goodall, die Ende der 70er durch ihre bahnbrechende Forschung zu Primatensoziologie berühmt geworden war, und dabei Machtstrukturen und Stammesverhalten untersucht und dokumentiert hat. Mit genug Phantasie kann man also alles mit allem verbinden.

 

 

Originaltitel: King of Kong: A Fistful of Quarters. USA 2007, englische Sprache. Regie: Seth Gordon.
Deutscher Kinostart: Bisher nicht geplant, DVD ist jedoch bereits verfügbar.
Laufzeit: 79 Minuten.
IMDb - Wikipedia

 
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